Die Rauhnächte – ein Übergang mit Neubeginn mitten im Winter?

Wo kommen sie eigentlich plötzlich her – diese rauen Nächten?

Die Rauhnächte beschreiben die Zeit zwischen den Jahren ( ~21. Dezember – 06. Januar ) und basieren auf vorchristlichen Bräuchen, Ritualen und Mythen.

Uralt sind sie und zwischendurch beinahe in Vergessenheit geraten, doch in den letzten Jahren erfahren sie einen neuen Aufschwung. Immer mehr Menschen begehen diese Zeit zwischen den Jahren nun wieder bewusster und verknüpfen sie mit Ritualen, die sich an Bräuchen und alten Geschichten der nordischen Mythologie orientieren.

So ist es Gesetz in den Rauhnächten die Arbeit ruhen zu lassen, häusliche Pflichten auf das Minimum zu beschränken und sich stattdessen Zeit für das Aufräumen und Sortieren im Innen zu nehmen. Zur Einhaltung dieser Tugend wurden die Menschen durch die nächtlichen Patrouillen der wilden Jagd angehalten, die – von Odin angeführt – über den schwarzen Himmel reitet. Wind und Sturm begleiten sie und wehe denen, die ihre Wäsche draußen aufgehängt haben, so dass sich das Geisterheer darin verfangen könnte. Auch Holda – uns besser als Frau Holle bekannt, hat ein wachsames Auge auf das Ruhen, Reflektieren und Einkehren der Menschen. Sich ihrer selbst bewusst sollen sie werden – über ihren Fleiß, Faulheit und Gier und an den Erkenntnissen wachsen, Besserung geloben und diese auch geflissentlich vorbereiten.

In den Märchen und Mythen heißt es weiter, der Schleier zwischen den Welten wäre besonders dünn in diesen Nächten und erlaubt den Menschen so leichteren Zugang zu ihren Ahn*innen und ihrem eigenen Unterbewusstsein. Selbst ein Blick in die Zukunft sei denen möglich, die willens sind wirklich hinzusehen und zuhören. So werden die eigenen Träume zum Mittelpunkt von Reflexion und Weissagung, Zeichen werden interpretiert, das Wetter zukunftsweisend gedeutet. Und gebeten wird um Schutz, um Erkenntnisse und den Zugriff auf tiefes altes Wissen.

Welche Bedeutung haben diese Werte & Gebote?

All das geschieht in einem Rahmen des Rückzugs, der Ruhe im Außen. In Verbundenheit nach Innen, mit sich selbst und den eigenen Nächsten – lebend oder verstorben. So wird das eigene Handeln in Einklang gebracht mit der Welt draußen, die schweigt, sich zurückzieht und schläft.

Dieser Rückzug eröffnet Raum für Prozess! Sowohl die Natur, als auch der Mensch kann sich nun auf das Loslassen fokussieren. Die Früchte sind vergangen, die Blätter sind tot und die Bäume kahl. Ebenso gilt es so manche Hoffnung oder Illusion zu begraben, die das Jahr uns einst brachte und das Loszulassen, was endgültig gegangen ist. Es geht also um Abschluss vor der Ruhe.. die Ruhe, die entsteht, wenn wir ganz im Moment ankommen  – wissen, dass wir alles getan haben, was wir konnten und nun das was dabei auf der Strecke geblieben ist zu Grabe getragen werden darf. Zumindest für einen Moment. Ein Moment in dem nichts mehr „gerissen“, versucht und getrieben wird. Sondern Platz gemacht wird für ein Durchatmen, ein leises inneres Verstehen und damit verbundene Entspannung.

Und natürlich wartet das Neue schon darunter. Tief in der Erde, unter der Schneedecke und auch in den Köpfen von uns Menschen. Leise Stimmchen, die Versprechungen an uns selbst murmeln, neue Visionen zu weben beginnen und einen genauen Plan zu haben scheinen für das was kommt.
All das will hervorbrechen, an die Oberfläche und ist doch noch nicht reif. Zart erst – ein Anfang eben.

Und so enden die Rauhnächte, die unseren Jahresübergang begleiten. In Mensch und Natur haben Abschied & Rückzug, ein Durchatmen und das leise Versprechen auf neu entstehendes ihren Platz gefunden. Miteinander verbunden, im Zyklus der Zeit schwingend.

"Denn Geburt beginnt in Dunkelheit."

Ein dunkler Neuanfang?

Was also macht ihn aus und inwiefern ergibt er Sinn, dieser neue Anfang mitten in der dunkelsten Zeit des Jahres?
Ob wir die Rauhnächte nun praktizieren oder nicht – unser Jahreswechsel liegt nun einmal mitten im Winter. Und mit ihm ein Ende, ein Anfang und jede Menge Vorsätze. Ob sich diese Jahreszeit für einen solchen Neuanfang (oder die vielen Anfänge in unseren Köpfen) eignet wird auch viel diskutiert. Ich bin der Meinung das tut er! Aber es kommt eben auf das „Wie“ an.

Ein neuer Vorsatz, ein Wunsch o.ä. ist dabei m.M.n. nicht gleichbedeutend mit einem lauten „Nach-vorne-preschen“. Im Gegenteil, der Wunsch nach Veränderung – nach etwas neuem beginnt oft leise, fast heimlich schleicht er sich in unser Bewusstsein und wenn wir nicht aufpassen haben wir diesen stillen Boten auch schon wieder verpasst. Wenn wir jedoch achtsam sind, diese sanften Impulse in uns wahrnehmen und nach ihnen greifen, kann daraus durchaus etwas neues geboren werden. Doch das braucht Zeit und Raum für Kultivierung. Und wenn wir diese entschleunigte Zeit im Winter nun darauf verwenden, diese zarten Anstöße reifen zu lassen indem wir ihnen unsere bewusste Aufmerksamkeit schenken, uns ihnen zuwenden und uns mit ihnen ausrichten, dann können sie wachsen. Und womöglich bald nach außen treten – laut und sichtbar werden. Nachdem sie Zeit hatte sich zu entwickeln! Ebenso, wie auch das Licht an Jul, der Wintersonnwende neu geboren wird, lange bevor es an wärmender Kraft gewonnen hat und für uns wieder sichtbar geworden ist.

Gestehen wir unseren eigenen neugeborenen Wünschen und Träumen also ruhig auch etwas Zeit zu, sich zu entwickeln, bevor wir sie laut in die Welt tragen und vergessen dabei nicht, dass sie geboren wurden in Stille und Achtsamkeit.

Mein persönlicher therapeutischer Zugang zu dieser besonderen Zeit

Ich selbst bin in den letzten Jahren zur richtigen Rauhnachts-Enthusiastin geworden und praktiziere sie nicht nur für mich selbst sondern begleite sie auch. Sowohl im privaten Kreis, als auch professionell. Jahr für Jahr lehrte mich diese bewusst verbrachte Zeit, wie wertvoll es ist meinen eigenen persönlichen Jahresübergang im Sinne der Rauhnächte langsam zu begehen! In Ruhe, im kleinen Kreis – ohne Aufregung und mit Geduld. Ich persönlich beginne damit bereits um den ersten Advent. Wenn es in der Welt um mich herum so richtig hektisch und trubelig wird, brauche ich umso mehr Aufmerksamkeit auf mein eigenes Handeln. Um mich davon frei zu machen und von unserer, so richtig greifbar gewordenen, Hustle-Culture und meinem eigenen Druck zurückzuziehen. Ich gehe also mehr und mehr nach Innen, finde meine Inseln des Innehaltens und widme mich dann mit wirklichen Kapazitäten meinen inneren Themen. Ich schließe ab, lasse gehen, atme durch. Umgebe mich mit all dem Schönen, was war und verweile eine Zeit lang darin. Dann richte ich mich langsam nach vorn aus, spüre hin und werde mir klarer über das, was ich für mich möchte und brauche und beginne einen möglichen Weg zu ersinnen. Und ganz langsam finde ich dann zurück in einen Alltag. Meine frisch geborenen Wünsche für das ebenso frische Jahr stehen dabei wie Avocado-Kerne auf meinem Regal. Sie brauchen Pflege und Beachtung. Doch sind sie noch recht unscheinbar und unaufdringlich, bevor sie nach einigen Wochen wie ein Pfeil nach oben schießen und sich der Sonne entgegen recken. Und gleich daneben stehen kleine Andenken. Andenken an das, was ich zurück gelassen habe – freiwillig oder nicht – denn manchmal braucht es auch eine Erinnerung daran, dass das Loslassen ebenso ein Prozess ist, wie das Neuformen und ein Abschied oft nicht reicht.

Diese Regal ist nun mein Wegweiser, meine Basis für die nächsten Monate während derer die Wunsch-Pflänzchen mit ausreichend Pflege hoffentlich bald üppig und grün den Platz füllen und das was war allmählich in den Hintergrund drängen.

Ein einfacher therapeutischer Nutzen

Nun möchte ich den Kreis einmal schließen und die womöglich entstandene Frage klären, wo genau denn nun der therapeutische Wert in all dem liege. Das Begehen der Rauhnächte ist natürlich keine psychotherapeutische Methode, die allem voran der Linderung und Beseitigung von psychischen Störungen dient. Aber Therapie als solche hat immer das mentale Wohlergehen eines Menschen im Sinn und dient neben der Behandlung bereits ausgeprägter Symptome auch der Prävention – also der Gesunderhaltung unserer Psyche. Untergeordnete Therapieziele sehen beispielsweise häufig so aus:

All diese Themen und weit mehr finden Platz in einer ausgedehnten bewussten Auseinandersetzung mit dem eigenen Befinden. Die Rauhnächte können einen passenden Rahmen dafür stellen und die verschiedene typische Bräuche und Rituale inhaltlich unterstützen.

So ganz wirst du die Kraft der bewusst zelebrierten Rauhnächte aber wohl erst spüren, wenn du selbst in sie eintauchst und die Magie von jahrhundertealtem Wissen sich mit der Intensität eigens erlebter Erfahrungen verwebt!

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Häufig gestellte Fragen

Ja, das Begehen der Rauhnächte ist auch aus psychologisch-wissenschaftlicher Sicht sinnvoll. Sie fördern durch die bewusste Auseinandersetzung mit sich selbst innere Klarheit, Stressreduktion und einen besseren Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen, etc. und das unabhängig von spirituellen Deutungen. All das sind häufig Therapieziele, die zu mehr Selbstwert, emotionaler Regulationsfähigkeit und innerer Orientierung führen können.
Nein, das nicht. Eine gewisse spirituelle Offenheit und Neugier ist aber sicherlich hilfreich um sich auch auf die Mythen und Riten einlassen zu können. Für den inneren Prozess ist jedoch nicht die spirituelle Haltung an sich entscheidend, sondern die bewusste Zeit für Innehalten, Loslassen und Neuausrichtung.
Ja, viele sensible Menschen erleben die Rauhnächte intensiver, da Stille und Rückzug Emotionen und innere Themen i.d.R. deutlicher spürbar machen. Mit einer sanften, gut begleiteten Gestaltung kann diese Sensibilität jedoch zu einer wertvollen Ressource werden.

Idealerweise bleiben mehr innere Klarheit, emotionale Entlastung und eine bewusstere Ausrichtung für das neue Jahr. Diese können dann als Basis und eine Art Leitfaden für die eigenen Ziele dienen. Im Idealfall bleibt außerdem ein gut genährtes Rauhnachts-Tagebuch, das immer wieder an die Prozesse und damit verbundenen Erkenntnisse erinnern kann.

Die Rauhnächte eignen sich alle Menschen, die sich nach Orientierung, innerer Ruhe, Reflexion oder einem bewusst gestalteten Neubeginn sehnen – etwa in Umbruchphasen, nach belastenden Jahren oder bei dem Wunsch nach persönlicher Weiterentwicklung. Oder eben als jährliches Ritual zur Jahreswende um Belastungen vorzubeugen.

Die Rauhnächte können unterstützend und stabilisierend wirken, ersetzen jedoch keine Psychotherapie oder gegebenenfalls notwendige medizinische Unterstützung. Bei bspw. Depressionen oder schweren Belastungen können sie begleitend hilfreich sein, sollten aber besonders achtsam in Hinblick auf die eigenen Grenzen und ggf. mit professioneller Unterstützung begangen werden. Generell dienen Rituale, wie die Rauhnächte dazu eine bewusste innere Basis zu schaffen, auf der danach aufgebaut werden kann, nicht dazu tiefgreifende Belastungen in dieser Zeit zu lösen!

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